Ultra-Trail auf dem Saar-Hunsrück-Steig (2/2)

Auch heute geht es wieder ultrafrüh los, dank Übernachtung vor Ort jedoch war wecken heute mal erst um 6h, was genug Zeit für Frühstück und Vorbereitungen bis zur (diesmal pünklichen) Busabfahrt um 7:30 nach Trier läßt.

Dies ist die Fortsetzung des ersten Teils.

Enten im Nebel
Morgenstimmung *gähn!* … fliegen müßte man können!

Auf dem Weg dahin muß ich noch den Muskel, der meinen großen Zeh hebt, ordentlich durchmassieren, denn der tut weh und krampft im Schuh. Hab ich so auch noch nicht erlebt. Anscheinend habe ich gestern vor lauter Angst noch zu sehr auf der Bremse gestanden beim Bergablaufen, ich muss also heute darauf achten den Muskel nicht weiter zu strapazieren – d.h. also weniger bremsen 🙂 Bis auf den zu erwartenden Muskelkater ist aber alles ok, und den soll man ja angeblich “weglaufen” können (vorübergehend zumindest). Am Start beim Trimmelter Hof hoffe ich auf ein paar Laufkollegen zu treffen. Statt diesen findet sich überraschenderweise Birthe ein, eine nicht ganz unbekannte Marathonläuferin aus Trier (bestimmt will sie nicht, daß ich jetzt hier “Lauflegende” schreibe) ;-). Sie wird spontan auf den ersten Kilometern locker mitlaufen auf ihrer Trainingsrunde. Die einzige der ganzen Truppe, die dann beim Start nicht über Schmerzen jammerte war natürlich sie … Es geht erst mal über den hinteren Petrisberg und an der alten Eiche vorbei und langsam aber stetig den Hügel rauf. Schön, das kennen wir ja schon von gestern. Als uns vorm Filscher Anhau die gesamte Führungsgruppe einer nach dem anderen von hinten überrollt, wird uns zweierlei klar: Einmal haben wir wohl gerade ohne es zu merken das Feld angeführt, und ohne Birthe hätten wir uns hier wohl auch verfranzt (und das trotz Ortskenntnis, tsts). Danke an dieser Stelle nochmal für die nette Unterstützung! Auf die avisierte Trail-Marathon-Runde bin ich übrigens schon ganz gespannt!

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Los jetzt, alle mir nach, ich weiß auch nicht, wo es langgeht!

Die weitere Strecke ist mir aber *hüstel* sehr gut bekannt, da ich diese bereits gewandert, gebiked und beim 3-Länder-Trail (in umgekehrter Richtung) gelaufen bin. Ach, und meine SHS-Geocaches liegen ja auch noch hier an der Strecke … für Wartung aber keine Zeit, also weiter! Nach dem Anhau geht es erst mal lange bergab bis Waldrach und ich erinnere mich, wie hart dieses Stück am Ende der letzten Etappe des 3-Länder-Trails war (dann natürlich bergauf). Komisch, bergab keine Spur davon, und auch der Zehenmuskel bleibt gottseidank ruhig. “Wer bremst verliert massiert” –  heute bremse ich nicht. Nach der Verpflegung unten im Tal folgt die erste Bergwertung auf dem Kamm zwischen Morscheid und Riveris. Bald danach halte ich den ersten Felsbrocken doch glatt für den Langenstein und wundere mich noch, hatte ich diesen doch viel größer und anspruchsvoller in Erinnerung. Kurz darauf war die Sache dann klar, als der richtige Langenstein in Sicht kam. Ich beginne mir Wahrnehmungsprobleme einzureden und kraxle den Berg rauf. Es ging immer weiter leicht bergan und an der Talsperre entlang, wo wir bereits Läufer aus der ersten Welle überholten, denen der Vortag ordentlich in den Gliedern steckte. Kurze Bergabpassagen zwischendurch konnte ich zum Tempomachen nutzen, ich bin ein viel besserer Bergabläufer als Bergauf, und jegliche Spekulation woran das liegt mögt ihr bitte brav für Euch behalten. Auf dem langen Anstieg vor Drei Mörder mit Hund konnte ich mich plötzlich absetzen von meinen bis hierin Mit-Läufern, das hätte ich überhaupt nicht erwartet. Hoffentlich bin ich nicht dabei zu überziehen, aber ich fühlte mich (noch) gut.

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Weite Felder wechseln sich mit Wäldern ab

Die Verpflegung erreiche ich dennoch nur knapp mit 1ml Restwasser in der Flasche, denn es ist heute wärmer als gestern bei stetigen Anstiegen und einer langen Strecke seit Waldrach, und das Flaschenlaufen wird damit zur Grenzerfahrung. Erwartet hatte ich den VP bereits bei Bonerath auf dem Parkplatz (war der da nicht mal? ach ne, anderer Lauf …), die Zusatz-KM kamen daher etwas unerwartet. Ich nutze nämlich den gut funktionierenden Trick, sich den Lauf in Etappen einzuteilen. 6*10k plus X klingen viel eher machbar als 62. Es geht weiter rund um den Rösterkopf und durch den Osburger Hochwald. Hier stand irgendwo mal ein Holzschild “Lange Schneise” in der Nähe des höchsten Punktes, da habe ich immer gerne in Gedanken was ganz ähnlich klingendes, viel besser passendes draus gemacht. Kurz nach dem heutigen Bergfest, bei dem der mittlerweile bald 2h dauernde Anstieg seit Waldrach endet, läuft man nun in der schönen Keller Ferienregion über den Knüppeldamm am Weyrichsbruch. Teilweise überlappendt die Streckenführung mit dem hier im September wieder stattfindenden Volkslauf (5km bis Marathon). Der Knüppeldamm ist im Vergleich zum Ortelsbruch gestern problemlos zu laufen und nicht rutschig. Übel war aber die mir hier entgegenkommende Gruppe aus ca. einem Dutzend buckliger Rucksackmonster. Sie blockierten absichtlich den Weg, obwohl sie mich offensichtlich schon von weitem gesehen hatten, und wollten mich wohl irgendwie am Weiterkommen hindern, um mit mir über Sinn und Unsinn verschiedener Freizeitaktivitäten zu diskutieren. Dazu hatte ich aber keine Lust und lief quasi einfach weiter, was mich zu einem unfreiwilligen Ausweichmanöver zwang. Ich spare mir hier weitere Kommentare über diese militante Truppe. Positiv zu vermerken bleibt, daß der Ärger über solche Typen und ihren Aktionen einem durchaus auch Flügel verleihen kann. Und es muß gesagt werden, um hier kein falsches Bild aufkommen zu lassen: Die wohl über 100 anderen Wanderer, die ich unterwegs getroffen habe, zeigten sich zumindest interessiert, manche sogar richtig begeistert und feuerten an, spendeten Applaus, usw.

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Und Nonnweiler steht noch nicht mal drauf …

Die darauf folgende Pause am Verpflegungspunkt beim See fiel einen Tick länger aus, und glücklicherweise waren hier gefühlt außer leichten Blessuren und einem zerfetztes Trikot keine schlimmeren Folgeschäden zu verzeichnen (die ordentliche Verstauchung am Finger nahm wohl erst noch Form an, aber mit den Fingern läuft man ja auch nicht). Hier lief ich nun auch auf einen eigentlich schnelleren Läufer auf, der leider heute keinen guten Tag erwischt hatte, sich aber irgendwie durchbeißen wollte. Insgesamt waren wir mittlerweile immerhin schon fast Hundert Kilometer unterwegs. Wir wünschten uns gegenseitig viel Glück und ich begann nun bis zum nächsten Verpflegungspunkt beim Keller Steg zunehmend mehr Läufer aus der ersten Welle zu überholen. Es ging durchs Vogelschutzgebiet Ruwer und weiterhin leicht auf und ab, doch größere Anstiege blieben hier erst mal aus. Allerdings wusste ich, daß ab dem Keller Steg noch eine fiese Steigung auf den Katzenberg hoch wartet. Damals war ich hier am dritten Tag des 3-Länder-Trails voll am Limit, heute wollte ich das unbedingt vermeiden, also schön konservativ angehen. Hinten ist die Ente fett … (wie, das sagte ich bereits?).

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Asphalt wurde großflächig durch Wurzelwerk ersetzt …

Kurz nach dem im wunderschönen Wadrilltal gelegenen Abzweig und Verpflegungspunkt am ehemaligen Biberdamm machte sich bei mir Verwirrung breit. Die offizielle Online-Streckenkarte des Steigs sowie die GPX Datei von Nadine aus 2012 führt durch das Lauschbachtal, die Beschilderung vor Ort jedoch erst mal nach Norden das Wadrilltal hoch bis zum “Frau Holle“-Felsen bei Reinsfeld. Vielleicht ist diese Änderung ein Grund für die hier immer wieder gerne gefundenen Extrakilometer? Da die ausgeschilderte Strecke maßgeblich ist, ging es hier jetzt also erst mal das Wadrilltal entlang und dann erneut auf rund 600m rauf weiter Richtung Hermeskeil. Kurz vor der Querung der L147 kam ein Bergabstück durch ein Wäldchen. Meine Sonnenbrille setzte ich mir bei anstehenden, dunklen Passagen immer auf den Kopf hoch, um die Hindernisse besser zu sehen, so auch hier. Dabei passte ich leider nicht gut genug auf und legte mich im vollen Bergablauftempo hin. Erst mal durchatmen und checken: Handballen tut weh, Knie aufgeschlagen, Muskelschmerzen, aber nix kaputt, gottseidank. Na wunderbar, zweimal erwischt an einem Tag, und sonst das ganze Jahr nicht! Nachdem ich Flasche und Brille eingesammelt hatte konnte es wenn auch mit Schmerzen weitergehen. Bis hierher machten mir meine Knie überhaupt keine Probleme, nun ausgerechnet eine Prellung (hat mittlerweile alle Regenbogenfarben durch). Ein kleines Stück darauf ging ein Abzweig nach links ab, doch ein Läufer vermutlich aus der ersten Welle war noch geradeaus zu erspähen. Glücklicherweise war er gerade eben noch in Hörweite und reagierte nach ein paar Mal rufen, denn wenn er da vor der Autobahn geradeaus weitergelaufen wäre, dann hätte er keine Chance gehabt den Weg unter der Autobahn durch zu finden …

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Irgendwann siehst Du nur noch eine graue Wand vor Dir …

Oberhalb Hermeskeil dann endlich der rettende, letzte Verpflegungspunkt. Hierher mußte ich mich seit dem Sturz ordentlich quälen, denn es ging erst nochmal runter und durch das Lösterbachtal (kennt man von der großen Autobahnbrücke der A1) und dann nochmal rauf zur L151. Ein Ultra, vor allem über mehrere Tage und auf anspruchsvollem Terrain, ist eben kein Zuckerschlecken, und es kommen zunehmend auch andere Faktoren mit ins Spiel. Noch 10km seien es bis zum Ziel, fast alles nur noch bergab. “Das schaffst Du schon” motiviert mich der Helfer an der Verpflegungsstelle und feuert mich an, und ich freue mich sehr über die super Unterstützung! Auch wenns weh tut, da muß ich jetzt durch, aufgeben so kurz vorm Ende kommt nicht in Frage, solange ich noch kriechen kann. Gelaufen wird mit den Beinen, gefinisht mit dem Kopf. Also etwas Wasser aufs Knie, Zähne zusammen beißen, nicht zulange stehen bleiben, und nochmal irgendwie weiter. Auch die noch Richtung Hermeskeil zeigenden, durchgestrichenen (und falschen) Markierungen vom 3-Länder-Trail konnten mich nicht mehr beeindrucken. Jetzt nur noch das Forstelbachtal runter, an den Fischteichen vorbei und unterhalb der Staustufe runter vom Steig, leider über dieselbe, langweilige Strecke wie gestern zurück zum Ziel nach 6:55h Gesamtlaufzeit. Aus der Ergebnisliste des Veranstalters entnehme ich Resultate, mit denen ich mehr als zufrieden bin (Ergebnisse auch bei der DUV).

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Der Steig im Frühnebel … hat hier jemand was geraucht?

Das war ein wahrlich toller Lauf in wunderschöner Umgebung, das Wetter wurde immer besser, lauter nette Leute und das Resultat paßt auch, was will man mehr? Ok, eine Dusche wär jetzt nett … und danach gibts noch lecker Würstchen vom Grill … seufz, nun sind es nur noch die ganz einfachen Dinge im Leben, die wichtig sind: Duschen – Essen – Schlafen! Gemessene ca. 8000 kCal habe ich jetzt noch nachzufüllen, und das obwohl ich pro Tag geschätzte 8-10 Liter getrunken und mindestens doppelt soviel als normal gegessen habe … Ich bin weg, ihr wisst ja, wo ihr mich findet … und wenn nicht, dann schaut mal im Bermudadreieck zwischen Couch, Glotze und Kühlschrank nach … 🙂


Hinweis: Auch diese Bilder stammen wieder aus meinem Archiv, da ich leider beim Lauf keine Bilder gemacht habe. Sie sind natürlich alle entlang der Strecke am SHS aufgenommen, im Rahmen verschiedener Wanderungen.

 

2 Gedanken zu „Ultra-Trail auf dem Saar-Hunsrück-Steig (2/2)“

  1. War heute schon wieder ein bisschen wandern und werde nun mal ganz vorsichtig die zweite Jahreshälfte planen. “Uewersauer” ist da so ein Begriff, der schon bei einigen im Kopf herumgeistert … 😉

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