Wurzelweglauf 2015: Mein härtester Wettkampf

“3-2-1-Start.” Die Lautsprecherstimme des Moderators Bernd Kneer vermischt sich mit dem befreienden Schuss aus der Startpistole und hallt blechern durchs Konzer Stadion. Ich spüre, wie Adrenalin durch meinem Körper schießt. Mein Gehirn erteilt Befehle an die nervös hin- und her tippelnden Beine. Unwillkürlich steigt mein Puls, obwohl ich noch keinen Meter gelaufen bin. Doch jetzt beginnt für mich das Abenteuer 40. Jubiläums-Wurzelweglauf 2015.

Und ich weiß jetzt schon, dass dies vermutlich der härteste Wettkampf wird, den ich jemals gelaufen bin. Warum? Weil ich seit dem Trierer Stadtlauf an keinen Wettkampf mehr teilgenommen habe? Weil ich drei Monate verletzungsbedingt überhaupt nicht gelaufen bin? Weil ich die letzten Wochen nur homöopathische Joggingeinheiten mit vielen Laufpausen absolviert habe?

Nein, ich habe keine Angst, dass ich die zehn Kilometer nicht schaffe. Immerhin habe ich die letzten Monate fleißig meine Aquajoggingrunden im Wasser gedreht. Und den Wurzelweg habe ich mich kürzlich auch schon mal probehalber hochgequält. Ich krieg das hin mit den zehn Kilometern. Sicher.

Hart wird es aus einem anderen Grund.  Weil ich mir etwas vorgenommen habe, was total gegen das Naturell eines Wettkampfläufers geht: Ich habe mit mir selbst eine “Mindestzeit” vereinbart. Ich habe mit mir ausgemacht, dass ich mindestens eine Stunde für den Wurzelweglauf brauchen muss. Will meinen, langsamer darf ich, aber nicht schneller. Das war die Bedingung, die mein fürsorgender “interner Gesundheitsminister” mit dem ehrgeizigen Wettkämpfer in mir ausgehandelt hat. “Entweder Du läufst langsam und schonst Deinen Fuß oder Du läufst gar nicht!” Die Ansage war klar. Da gab es nix zu verhandeln. Das wird hart.

Spannung kurz vor dem Start, Foto: Boris Ruth
Spannung kurz vorm Start, Foto: Boris Ruth

 

Ich reihe mich ganz  hinten in das Startfeld ein. Es dauert ein bisschen, bis ich die Startmatte erreiche, schließlich ist das Starterfeld dieses Jahr zum Jubiläumslauf bei fast sommerlichen Temperaturen erfreulicherweise dicht.

Endlich geht es los Richtung Kapellchen. Leicht aufwärts. Ich zwinge mich, langsam zu laufen. Dann kommt die erste richtige Steigung Richtung Sprung. Ich kann nicht verhindern, ziemlich viele Läufer zu überholen. Das fühlt sich richtig gut an. Yeah. Es geht noch. Und schon ist der erste Kilometer erreicht. Blick auf die Uhr: 6:05. Also absolut im Soll.

Jetzt kommt das Abwärtsstück. Hier würde ich es normalerweise laufen lassen. Zeit gut machen. Aber ich halte mich zurück, bin die Selbstbeherrschung in Person.  Durchgangszeit bei Kilometer zwei: 11:51. Etwas zu schnell, aber das passt schon. Der anspruchsvolle Teil kommt ja noch.

Denn jetzt geht’s ans Eingemachte: Wurzelweg, ich komme. Hier brauche ich keine Angst zu haben, den geplanten sechser Schnitt leichtfertig zu unterbieten, zumal der Regen heute Nacht den Wurzelweg zu dem gemacht hat, wofür er berühmt und berüchtigt ist. Ich kann also ruhig etwas Gas geben.

Wurzelweg-Adrenalin, Foto: Holger Teusch
Wurzelweg-Adrenalin, Foto: Holger Teusch

Und da kommt es über mich, das ultimative Wettkampfgefühl. Noch habe ich ausreichend Kraft, um etwas Tempo zu machen. Die Läufer machen mir Platz zum Vorbeilaufen. Lange bevor sie meinem Atem in ihrem Nacken spüren, hören sie mein mitleiderregendes Hecheln. “Aus dem Weg, das Walross kommt.” – Schwer schnaufend starte ich auf dem glitschigen Untergrund ein Überholmanöver nach dem anderen. Wie gut das tut. Jetzt weiß ich wieder, was mir die letzten Monate gefehlt hat.

Trotzdem bin ich froh, als ich ziemlich ausgepowert oben ankomme. Jetzt geht es wieder runter. Ich lasse es etwas laufen. Doch mein gesundheitsbewusstes Gewissen macht sich bemerkbar. “Hallo, Du bist zu schnell!” – “Ja, aber hier geht es bergab.” – “Eben deswegen. Hier musst Du Tempo rausnehmen.” – “So einfach ist das jetzt nicht. Da sind zwei hinter mir. Die wollen mich überholen.” – “Na und? Jetzt musst Du stark sein. Denk an unsere Vereinbarung!” – “Ja, ist ja gut. Grummel, grummel, grummel.”

Ich füge mich und bin stark. Ich schalte einen Gang zurück und lasse drei, vier Läufer an mir vorbeiziehen, die ich zuvor auf dem Wurzelweg mühsam eingesammelt hatte. Dieses Schonprogramm habe ich ja überhaupt nicht im Repertoire. Es verlangt mir einiges ab. Bin ich doch hier immerhin in einem Wettkampf und überlasse das Feld kampflos meinen schnaufenden “Verfolgern”.

Aber es kommt ja noch der Gummiweg. Da geht’s wieder hoch und ich darf etwas mehr Gas geben. Unwillkürlich sammle ich den ein oder anderen Läufer von vorhin wieder ein. Genugtuung. Die Welt ist wieder halbwegs in Ordnung.

Mein Blick auf die Uhr verrät: Ich bin wieder zu schnell unterwegs. Mist. Wo es doch gerade so gut läuft. Aber wenn ich so weiterlaufe, werde ich weniger als eine Stunde brauchen für die zehn Kilometer. Und dann gibt’s wieder Zoff mit meinem internen Gesundheitsminister. Also runter vom Gas. Auch wenn’s schwerfällt.

Schon wieder einer vorbeigezogen, Foto: Boris Ruth
Schon wieder einer vorbeigezogen, Foto: Boris Ruth

Wieder werde ich überholt. Ich kann das Mitleid der mich überholenden Läufer förmlich spüren. “Der Arme. Hat sich wohl bei den Steigungen übernommen. Jetzt fehlt ihm die Kraft. Ob er es noch schafft bis ins Ziel?” – “Natürlich schaffe ich es noch, und ich könnte viiiiiel schneller, wenn ich wollte.”

Aber das denke ich nur. Ich sage es natürlich nicht. Stattdessen krame ich mein Smartphone heraus. Ich mache demonstrativ ein paar Fotos. Die nächsten mich überholenden Läufer erkennen jetzt sofort, dass da ein Laufprofi unterwegs ist, der nebenbei auch noch Zeit zum Fotografieren hat. Gemütlich geht es weiter. Den letzten Kilometer Richtung Stadion gebe ich einer Läuferin noch etwas Endspurthilfe. Natürlich völlig uneigennützig. 😉

Am Eingang zum Stadion stehen einige meiner Laufkollegen und wollen mich lautstark zum Endspurt anfeuern. Ich halte an und erkläre ihnen, dass das nicht geht. Noch nicht. Ich bin zu früh dran. Der Stadionsprecher winkt gerade Läufer mit 57er Zeiten durch. Da habe ich wohl die letzten Kilometer die Uhr doch nicht mehr so genau im Blick gehabt. Oh, oh. Das gibt Ärger mit meinem hauseigenen Gesundheitsapostel.

Wegweiser Willi, Foto: Boris Ruth
Wegweiser Willi, Foto: Boris Ruth

Was tun? Ich habe noch über zwei Minuten für die letzten 200 Meter übrig. Ich darf ja auf keinen Fall vor Ablauf einer Stunde ins Ziel kommen. In meiner Verzweiflung drehe ich um und laufe noch einmal gegen den Strich. Dann geht es mit etwas mehr Tempo und unter dem frenetischen Jubel der Zuschauerränge gemeinsam mit Waltraud ins bebende Stadion. Mit einem verschmitzten Lächeln beende ich den härtesten Wettkampf menes Lebens und überquere die Ziellinie in 1:00:33.

Mit einem Lächeln ins Ziel, Foto: Benjamin Kleinjohan
Mit einem Lächeln ins Ziel, Foto: Benjamin Kleinjohan

Und damit erfüllt sich wieder einmal die alte Weisheit: “Man bescheißt niemanden so gut wie sich selber.”  🙂

Absolut ehrlich verdient und quasi notariell bestätigt sind die super Wettkampfzeiten unserer TG Lauftreffler:

 

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Auf der Lauftreffseite findest Du übrigens die Ergebnisse aller Läufer. Dort gibt es auch diverse Fotostrecken.

Das Titelbild und das Foto vom Wurzelweg sind der Fotostrecke des Berichts von Holger Teusch im Trierischen Volksfreund entnommen. Danke für die freundliche Genehmigung, Holger. 🙂